Historische Murger Postkutsche
Reisen wie einst Dichtervater Goethe
Hin und wieder übertönt das Schnauben eines der Pferde das Holpern der metallbeschlagenen, hölzernen Räder der alten Postkutsche – reisen wie dereinst Dichtervater Goethe. Im Moment ist das nur eine Vision. Sie spukt aber heftig im Kopf des Murger Bürgermeisters (Anm.: Michael Schöke) herum. Er fände es nämlich schön, wenn die alte Postkutsche auf der idyllischen Strecke zwischen Murg und Herrischried wieder in Dienst genommen werden könnte. Sollten es Gefährt und Strecke zulassen, dann könnte, so die Idee, anläßlich des 625. Jahrestages der Hauensteiner Einungen im nächsten Jahr, die rund zehn Kilometer lange Fahrt in der Postkutsche als Attraktion angeboten werden. …
Textauszug aus: Südkurier Nr. 164, 19. Juli 1995, Jutta Thoma
Der «Omnibus» ist wieder in Schuss
Sie hätte uns mit Sicherheit vieles zu erzählen und ist längst selbst Geschichte: Die alte Murger Postkutsche wurde wahrscheinlich im Jahre 1865 erbaut, kam 1869 nach Murg und fuhr von diesem Zeitpunkt an bis in das Jahr 1913 Tag für Tag durch das Murgtal hinauf nach Herrischried und wieder zurück. An bestimmten Tagen war sie sogar zweimal unterwegs. Für einen Pferdewechsel wurde seinerzeit in der Schlagsäge Halt gemacht.
Nach dem Aus für den regulären Postkutschenbetrieb kam das Gefährt in den Besitz der Gemeinde. Diese investierte in den letzten vier Jahren aus Sicherheitsgründen rund 40.000 Mark in die Restaurierung des alten Gefährts. Wie sich im Zuge der Restaurierungsarbeiten herausstellte, ist die Kutsche eine echte Rarität, weil die noch einzig existierende ihrer Art in Baden-Württemberg. In Kutscherkreisen spricht man hier von einem «Omnibus», dessen Merkmal ein geschlossener Aufbau ist. …
Derweil wartet die auf Hochglanz gebrachte Kutsche in ihrem Murger Domizil, einer Bauernscheune, auf ihren Einsatz. Lange hatte der pensionierte Hauptamtsleiter Konrad Lüthy, der die Fäden in Sachen Restaurierung zog, nach einem geeigneten Plätzchen für das Gefährt aus Holz gesucht. Die optimalen klimatischen Bedingungen, nicht zu dunkel und trocken, waren dann nach alter Väter Sitte in einer Bauernscheune gegeben.
Die Scheibenbremse mit Pedal als Ersatz der alten Kurbelbremse sei bereits in einer ersten Reparaturphase ersetzt worden, erklärt Konrad Lüthy. Fachleute wiesen auf weitere Mängel hin, die in einem zweiten Abschnitt behoben wurden. So war zum Beispiel der Boden zwischen Aufsatz und Fahrgestell morsch und musste ersetzt werden. Auch die Kutscherlampen sind neu, ein Kutscherbock aus Massivholz ersetzt den alten aus Spanpressplatten, die Lederteile der Sitze wurden erneuert und gewachst, die Räder neu gestrichen und Rücklichter angebracht.
Da die Kutsche ursprünglich von einem Dreiergespann, dem «Einhorn» gezogen wurde, ersetzte man auch die Barkhölzer. Alleine 12.000 Mark kostete das von Hafnern und Sattlern von Hand gefertigte Geschirr mit Sicherheitsverschluss. Aber: Zur Kutsche gehöre auch ein Geschirr, hätten die Spezialisten erzählt, so Lüthy.
Dass die Kutsche heute überhaupt wieder in ihrer angestammten Heimat ist, hat die Gemeinde nicht zuletzt dem Faktor «Glück» zu verdanken. Den Krieg überstand das Gefährt zerlegt im Keller der damaligen Postgarage hinter dem Hirschenbrunnen, stand danach etliche Jahre im Feuerwehrgerätehaus und kam als Leihgabe in den 60er Jahren dann in das Postmuseum nach Freiburg. Die Gemeinde wähnte ihr Eigentum noch immer in der Freiburger Gegend, als dieses schon längst in der Postwagengarage in Bad Säckingen stand. Dort wurde das gute Stück vor wenigen Jahren zufällig entdeckt und kehrte daraufhin in den Schoß der Gemeinde zurück.
Textauszug: Südkurier Nr. 89 vom 15./16. April 2000, Brigitte Chymo